PRESSEMITTEILUNG

der Deutschen Physikalischen Gesellschaft

Nr. 27/2018 (25.10.2018)

In memoriam Lise Meitner

Zum 50. Todestag am 27. Oktober erinnert die Deutsche Physikalische Gesellschaft an die bedeutende Physikerin.

Bad Honnef, 25. Oktober 2018 – „Bis heute ist sie ein leuchtendes Vorbild“, sagt Dieter Meschede, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) anlässlich des 50. Todestages der Physikerin Lise Meitner am 27. Oktober. Meitner wurde am 7. November 1878 in Wien geboren und starb am 27. Oktober 1968 in Cambridge, UK. Über 30 Jahre arbeitete und forschte sie in Berlin. Zusammen mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch lieferte sie im Januar 1939 die physikalische Erklärung der Kernspaltung, die ihr Kollege Otto Hahn und dessen Assistent Fritz Straßmann kurz vorher am 17. Dezember 1938 nachgewiesen hatten. „Lise Meitner war eine der bedeutendsten Physikerinnen ihrer Zeit und ist durch ihr herausragendes wissenschaftliches und soziales Engagement im besten Sinne ein Vorbild“, sagt DPG-Präsident Meschede.

Einer ihrer wichtigsten akademischen Lehrer war Ludwig Boltzmann. Im Jahr 1906 hat sie erst als zweite Frau an der Wiener Universität im Hauptfach Physik promoviert. Im Jahr 1907 ging sie nach Berlin, wo sie Otto Hahn traf, mit dem sie 30 Jahre zusammenarbeitete. Schon früh beschäftigte Lise Meitner sich mit der Erforschung der Radioaktivität. Da im damaligen Preußen Frauen noch nicht studieren durften, musste sie die Universität immer durch den Hintereingang betreten und durfte die Vorlesungs- und Experimentierräume der Studenten nicht betreten. Das Verbot fiel erst 1909.

Meitner arbeitete zunächst unentgeltlich. Von 1912 bis 1915 war sie Assistentin bei Max Planck. 1913 wurde sie als erste Frau zum wissenschaftlichen Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ernannt.

Im Ersten Weltkrieg ließ sie sich zur Röntgenassistentin ausbilden und arbeitete bis 1916 in einem Lazarett der österreichischen Armee als Röntgenschwester.

Ab 1917 baute sie am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie ihre eigene radiophysikalische Abteilung auf. 1922 habilitierte sie sich und erwarb das Recht, als Dozentin zu arbeiten. 1926 wurde sie außerordentliche Professorin für experimentelle Kernphysik an der Berliner Universität und damit Deutschlands erste Professorin für Physik.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Meitner1933 aufgrund ihrer jüdischen Abstammung die Lehrbefugnis entzogen. Sie konnte ihre Arbeit am Kaiser-Wilhelm-Institut aber zunächst fortsetzen. Als sich die Lage verschärfte, emigrierte sie nach Schweden, wo sie ihre Forschungen am Nobel-Institut fortsetzte.

Otto Hahn hielt Lise Meitner stets über alle Versuche auf dem Laufenden. Im Januar 1939 konnte sie mit ihrem Neffen, dem Kernphysiker Otto Robert Frisch, das von Otto Hahn beschriebene „Zerplatzen“ von Uran-Atomkernen physikalisch als Kernspaltung deuten.

Für die Entdeckung und den radiochemischen Nachweis der Kernspaltung wurde Otto Hahn 1945 der Nobelpreis für Chemie für das Jahr 1944 verliehen (überreicht wurde er wegen der Kriegswirren aber erst 1946). Lise Meitner und Otto Frisch wurden nicht berücksichtigt, obwohl sie von zahlreichen Physikern – und auch von Otto Hahn selbst – mehrfach für den Physik-Nobelpreis vorgeschlagen wurden. „Aus heutiger Sicht ist das nicht mehr nachvollziehbar“, sagt DPG-Präsident Meschede, zumal Lise Meitner großen Anteil hatte am Aufbau der Versuchsanordnung zur Kernspaltung.

Lise Meitner war gleichzeitig das erste und bislang einzige weibliche Ehrenmitglied der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Diese Ehre wurde ihr 1948 zusammen mit Otto Hahn zuteil. Im Jahr darauf wurden beide zudem mit der Max-Planck-Medaille ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung der DPG für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Physik. Ihr zu Ehren haben die Österreichische Physikalische Gesellschaft (ÖPG) und die Deutsche Physikalische Gesellschaft zudem die sogenannten „Lise-Meitner-Lectures“ ins Leben gerufen, die jährlich seit 2008 stattfinden. Mit dieser Veranstaltungsreihe möchten die beiden Fachgesellschaften herausragende Wissenschaftlerinnen aus Deutschland und Österreich – so genannte „Role Models“ – einem breiten Publikum vorstellen. Ein Role Model ist beispielsweise die Teilchenphysikerin Johanna Stachel, die von 2012 bis 2014 auch die erste Präsidentin der Deutschen Physikalischen Gesellschaft war. Zudem werden in einer Poster-Ausstellung mit dem Titel „Lise Meitner und 'ihre Töchter'“ engagierte Physikerinnen aus Deutschland und Österreich vorgestellt.

Ferner beleuchtet der frei verfügbare, aktuelle Sonderdruck „Otto Hahn, Lise Meitner und die Deutsche Physikalische Gesellschaft“ (https://www.gnt-verlag.de/Sonderdruck-DPG.pdf; GNT-Verlag GmbH, Diepholz) das Leben und Wirken von Lise Meitner und Otto Hahn in der DPG. Darüber hinaus hat die Freie Universität Berlin – unter anderem mit finanzieller Unterstützung der DPG – zu Ehren von Lise Meitner kürzlich ein Theaterstück mit dem Titel „Kernfragen“ eingeübt. Es zeigt wichtige Lebensstationen und Bezugspunkte aus Lise Meitners Leben und wird neben Berlin unter anderem auch in Wien, Mainz und Bonn aufgeführt werden. Der Eintritt ist frei.

Foto: © Lotte Meitner-Graf


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Die Deutsche Physikalische Gesellschaft e. V. (DPG), deren Tradition bis in das Jahr 1845 zurückreicht, ist die älteste nationale und mit über 62.000 Mitgliedern auch größte physikalische Fachgesellschaft der Welt. Als gemeinnütziger Verein verfolgt sie keine wirtschaftlichen Interessen. Die DPG fördert mit Tagungen, Veranstaltungen und Publikationen den Wissenstransfer innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und möchte allen Neugierigen ein Fenster zur Physik öffnen. Besondere Schwerpunkte sind die Förderung des naturwissenschaftlichen Nachwuchses und der Chancengleichheit. Sitz der DPG ist Bad Honnef am Rhein. Hauptstadtrepräsentanz ist das Magnus-Haus Berlin.
Website: www.dpg-physik.de

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